Auswirkungen der Corona-Krise auf die religiöse Landschaft

Subtitle: VERSCHWÖRUNGSTHEORIEN HABEN HOCHKONJUNKTUR
Excerpt: In Krisenzeiten geraten auch traditionelle Werte ins Wanken. Die Kolumne von Jean-Paul Lutz beschäftigt sich mit diesem Thema.
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entnommen der Zeitschrift relinfo – dem Informationsblatt Evangelische Informationsstelle Kirchen – Religionen – Sekten  Nr. 1 und Juni 2021 von Georg Otto Schmid. Georg Otto Schmid ist der Leiter der evangelischen Beratungsstelle und stellt in diese Zeitschrift folgende These zur Diskussion:

«Krisensituationen sind immer auch mit Umbrüchen in der spirituellen Landschaft verbunden».

Das gilt für grosse weltgeschichtliche Ereignisse, die die Menschen durch Naturkatastrophen, Hungersnöte, Epidemien und Seuchen – wie einst die Pest – bis heute auch zu Corona über sich ergehen lassen mussten.
Die Menschen begannen sich zu besinnen und schauten jeweils auf ihre eigene Geschichte zurück. Meistens versuchten sie Sündenböcke für ihr Geschick zu bezeichnen. Denn niemand ist gerne schuld, wenn das Schicksal zuschlägt, Kriege angezettelt werden, Menschen und ganze Volksgruppen und Rassen verjagt, systematisch ausgemerzt oder getötet werden.

Mit dem Verschwinden der Göttinnen und Götter kam ein einziger, alleiniger Gott, der Schöpfer des Universums und der Welt und Schöpfer seines Ebenbildes, des Menschen, des Mannes, als die Krone der Schöpfung, dem alles untertan war. Später kamen auch die Frauen dazu, aber sie entstammten vom Mann. So erschien ein neuer Gott auf der gottmenschlichen Weltbühne:
Es war eher ein «zorniger», gar ein «rächender», «eifersüchtiger» Gott, über den zwar gelehrt wurde, dass er seine Ebenbilder eigentlich liebt, aber es wurde auch offenbar, dass dieser Gott nicht sehr liebevoll für seine (Gottes-) Kinder einstand, sondern er war eher ein launischer und gar ungerechter Gott, der alles daran setzte seine Geschöpfe auf den rechten Weg – das heisst zu ihm – zu bringen, vor allem die Abweichlerinnen und Abweichler, die es überall gibt, weil es eine Unité de doctrine aus sich selbst heraus nicht gibt.

Und als Alleinherrscher ist Gott auch keiner Demokratie verpflichtet. Sicherlich wäre es für das gegenseitige Verständnis besser gewesen, wenn Gott seine Geschöpfe besucht und mit ihnen gelebt hätte, statt sie vom Himmel her oder über seine Stellvertreter zu disziplinieren. So hätte der Mann-Mensch und die Menschen- Frau und das Tier-Wesen selber eine Heimat für diesen einsamen Gottes werden können. 

Etwa so ist der Historische Jesus zu verstehen, der erst viel später zum «Sohn Gottes» im Himmel, zum «Heiland» und zum «Retter der Menschen» erhöht wurde. Dieser war nun wirklich ein Mensch gewesen und galt in der Geschichte als der «wahre Mensch», als der «Ecce homo» – der nicht zu den Menschen gekommen war um sie zu disziplinieren – auch nicht zu entzweien, sondern um mit ihnen ihre Lebensmühen und die Todesängste und ihre Lasten zu tragen.
Weil die Menschen schwach und manchmal auch ziemlich hirnlos und mit einem Kurzgedächtnis ausgerüstet waren, hatten sie Mühe die jeweiligen Zeichen der Zeit zu erkennen und zu deuten. Das gilt auch für Corona.
Darum wichen sie immer wieder vom vorgegebenen Weg ab und mussten mit Gewalt wieder auf den richtigen Weg gebracht werden.

Das Alte Testament ist voller solcher Geschichten oder Mythen, die erklären, weshalb Gott weder «gerecht», noch «gut» ist oder handelt und ihnen mit all den Plagen, Hungersnöten und Naturkatastrophen das Leben so schwer als möglich macht.

Otto Schmid schreibt:
Krisensituationen sind immer auch mit Umbrüchen in der spirituellen Landschaft verbunden. So hat auch die Corona-Pandemie auf die weltanschauliche Landschaft in der Schweiz
erhebliche Einflüsse, die sicher erst in Zukunft in ihrem vollen Ausmass erkannt und gewürdigt werden können. ...Bis jetzt heben sich folgende Tendenzen deutlich ab: 

  1. Rückbesinnung:

Wie jede schwierige Phase der Geschichte hat auch die Corona-Krise bei vielen Menschen zu einer Rückbesinnung auf die eigenen weltanschaulichen Wurzeln geführt. Wenn Lebens-gewohnheiten massiv erschüttert werden, steigt die Sehnsucht nach Einordnung und Sinn. Krisen sind aber nicht Zeiten für spirituelle Experimente, sondern eher der Hinwendung zum Vertrauten, zur Weltanschauung der Kindheit und Jugend. So haben viele Kirchen und Gemeinschaften in der Corona-Krise ein grosses Interesse ihrer Mitglieder für Online-Veranstaltungen feststellen können.

  1. Verschwörungstheorien

Bedrohliche Prozesse lösen das Bedürfnis aus, die Vorgänge zwar zu verstehen, aber meistens bleibt es dabei, die vermeintlichen Schuldigen zu identifizieren, zu benennen und sie zu bestrafen. Wie in vergangenen Krisen haben darum auch in Corona-Zeiten Verschwörungstheorien Hochkonjunktur.

Es gab Zeiten da war sogar eine verheiratete Frau und Mutter in Lebensgefahr als Hexe identifiziert zu werden oder ihre Kinder als teuflische Kobolde ja gar als Kinder des Satans.

  1. Konspirationsforen

Das Internet zeigt einen immensen Zulauf von Lesenden und Mitdiskutierenden und verschwörungstheoretisch radikalisierten Menschen, die einen Grossteil ihrer Zeit im Web verbringen, und für eine kritische Hinterfragung nicht mehr zugänglich sind. Diese werden für ihr soziales Umfeld zu einer grosse Herausforderung...

Druck erhöht Gegendruck. Interessant seien Verschwörungstheorien insbesondere für säkulare – das heisst für nicht an einen Gott glaubende Menschen – also als nicht. praktizierende Gläubige. Dort übernehmen sie bis zu einem gewissen Grad die Funktion einer Ersatz-Religion. Aber in der Corona-Krise wurden auch manche konservativ-religiöse Kreise von Konspirationsideen erfasst, sowohl auf katholischer als auch auf protestantischer Seite.

  1. Zu QAnon

Besonders auffällig – schreibt Otto Schmid sei das Aufkommen der sog. QAnon-Verschwörungstheorie, die davon ausgehe,

... dass die Welt von übel wollenden Mächten beherrscht wird, die aus gefangenen Kindern einen Unsterblichkeitstrank produzieren und sowohl Medien als auch Kirchen und Religionen kontrollieren würden.

Als Beispiel für einen modernen Erlöser oder Heilsträger nennt Schmid den ehemaligen US- Präsidenten Donald Trump: Dieser sei der Befreier der Menschheit aus der Versklavung, so glaube es die QAnon-Bewegung. Dieser letzte Teil der QAnon-Theorie besteht in der Hoffnung auf Donald Trump als dem Erlöser und neuen Messias, dem Weltheiland. Auch wenn Trump in der Schweiz verglichen mit andern europäischen Ländern am wenigsten populär ist, werden trotzdem auch auf Schweizer Anti-Corona-Demonstrationen Pro-Trump-Plakate in die Höhe gehalten. Denn den Messias «bescheisst» man mit Wahlbetrug nicht.

  1. Der Great Reset – die Uhren werden wieder auf NULL gestellt

Eine in der Corona-Krise neu entstandene Verschwörungstheorie stellt die Great-Reset Konspirationsthese dar. Erstmals tauchte die Theorie im Juli 2020 in den Foren und Plattformen auf. In Buchform präsentiert wurde sie im Werk des deutschen Autors und Verschwörungstheoretikers Peter Orzechowski mit dem Titel «Der grosse Umbruch – durch Corona in die Neue Weltordnung», erschienen im Januar 2021 im Kopp-Verlag.

«Der Grosse Umbruch» bedeutet, die Welt weniger gespalten, weniger verschmutzend, weniger zerstörerisch, integrativer, gerechter und fairer zu machen, als wir sie in der Zeit vor der Pandemie hinter uns gelassen haben. (Klaus Schwab, T. Malleret: Covid-19, S. 293).

Die Vertretenden der Great-Reset-Verschwörungstheorie gehen davon aus, dass diese Ziele nur vorgetäuscht seien, dass es Klaus Schwab, dem WEF und anderen mächtigen Kreisen, die in den verschiedenen Varianten der Theorie unterschiedlich zusammengesetzt werden – häufiger werden z.B. traditionelle Feindbilder von Verschwörungsgläubigen wie George Soros und Bill Gates genannt – wo es vielmehr um andere, hintergründige und klandestine Ziele gehe.
Welches diese wahren Motive der angeblichen Verschworenen sind, darüber existieren mehrere divergierende und diametral unterschiedliche Vorstellungen:

Z.B., von Personen aus dem rechten politischen Spektrum wird behauptet, Klaus Schwab und die angeblichen Mitverschworenen wollten die Corona-Krise nutzen, um eine Art Staatssozialismus einzuführen.

Oder manche fundamentalistisch-christlichen Verschwörungsgläubige behaupten mit dem Great-Reset solle die Herrschaft des Antichristen vorbereitet werden, welche der Wiederkunft Christi vorangehen würde.

Sowas gab's immer wieder in apokalyptischen Zeiten und in zahlreichen Schriften – und es wird diese auch weiterhin geben. Das will heissen, dass auch von nicht (mehr) an Kirchen oder religiöse Institutionen angebundene oder durch die Religion sozialisierte Personen die alte Glaubensfrage gestellt werden wird, ob die Corona-Krise – wie alle grossen Krisen – als Zeichen der Nähe der Endzeit empfunden werden darf und soll.

Gegen einen solchen Glauben ist kein Kraut gewachsen, wie gegenüber allen Glaubenssätzen. Da hat die Vernunft und die methodischen Fragen von Versuch und Irrtum (Trial & Error) einen schweren Stand.

  1. «Urständ feiern»

Wissen Sie, liebe Leserin und lieber Leser, was der alte Begriff «Urständ feiern» bedeutetet? Er entstammt der christlichen Sprachkultur und bedeutet nicht anderes als Auferstehung.
Dann soll da wirklich alles unsagbar und fantastisch neu werden. Das wäre das neue Gottesreich – ob wir es verdient haben oder nicht.

Ihr
Jean-Paul Lutz, Theologe und Buchautor

Homepage des Autors: Relatio

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